Produktionskapazität in der tschechischen Stromversorgung

Von den Temelin-Betreibern wurde die Fertigstellung und Inbetriebnahme des AKW Temelin sehr oft mit den angeblich drohenden Engpässen in der Energieversorgung begründet. In den vergangenen drei Jahren wurden aus Tschechien allerdings mindestens 12.400 GWh pro Jahr exportiert, das entspricht etwa einem Viertel des inländischen Nettoverbrauches. In der Relation zum eigenen Verbrauch ist Tschechien damit zum größten europäischen Stromexporteur geworden, in absoluten Zahlen belegt das Land Platz zwei hinter Frankreich.

Strommangel oder Stromüberschuß?

Die exportierte Menge ist größer als die geplante Jahresproduktion des AKW Temelin (11.500 GWh) und entspricht der Jahresproduktion des bisher einzigen im Betrieb befindlichen tschechischen AKW Dukovany (4 Blöcke des sowjetischen Typs WWER 440/213). Der Ausstieg aus der Kernenergienutzung ist in Tschechien also bereits heute ohne Beeinträchtigung der inländischen Versorgung möglich.
Die Begründung für die Widersprüchlichkeiten liegt in den falschen Prognosen der tschechischen Stromversorger, allen voran CEZ a.s., die der tschechischen und der internationalen Öffentlichkeit in den vergangenen Jahren präsentiert wurden.

Struktur der Stromproduktion

Die Struktur der Stromproduktion in Tschechien (Stand zum 31.12.1999) ist aus der folgenden Tabelle ersichtlich:

Kraftwerkstyp Inst. Leistung (MW) % der inst. Leistung
Kohlekraftwerke 10842 70,7
Gasdampfkraftwerke 586 3,8
Wasserkraftwerke 1000 6,6
1145 7,6
Kernkraftwerke 1760 11,5
Sonstige 1,2 0,0
Gesamt 15324 100,0

Wie anhand der Tabelle ersichtlich, stellen Kohlekraftwerke den dominierenden Anteil an der installierten Leistung dar. Ab dem 1. Jänner 1999 werden in Tschechien nur mehr nachgerüstete Kohlekraftwerke betrieben, die mit modernen Filteranlagen ausgestattet wurden. In die Nachrüstung wurden seit 1993 mehr als 46 Milliarden Kronen investiert.

Zwei Drittel der installierten Leistung werden von der im staatlichen Mehrheitsbesitz befindlichen Aktiengesellschaft CEZ betrieben, der Rest von unabhängigen Produzenten. Die Marktanteile der gelieferten elektrischen Energie stehen in einem ähnlichen Verhältnis. Im Jahr 1999 betrug der inländischen Nettoverbrauch 49,3 TWh, die Spitzenlast erreichte 9926 MW.

Geheimgehaltene Überschüsse

Zwischen den Jahren 1997 und 2000 konnten die Exporte von 3,6 auf 12,4 TWh pro Jahr erhöht werden. Dadurch wurde das Ausmaß der von CEZ bisher stets geleugneten Überkapazitäten sichtbar. Simulationsrechnungen ergeben einen Jahresüberschuß von mindestens 15.000 GWh jährlich. Durch die Inbetriebnahme des AKW Temelin würde sich die jährliche Überkapazität um weitere 11.500 GWh erhöhen. Die tschechischen Stromversorger müßten in den kommenden Jahren an die 26.500 GWh jährlich am EU-Markt absetzen. Diese Menge würde die Jahresproduktion der tschechischen Kernkraftwerke Dukovany und Temelin übersteigen. Allerdings stößt eine solche Möglichkeit auf ökonomische Grenzen, da die überschüssige Energie bereits heute zu Dumping-Preisen exportiert wird.

Die Wirtschaftlichkeit der Fertigstellung und Inbetriebnahme des AKW Temelin ist unter solchen Bedingungen nicht gegeben. Die Situation wird durch einen Vergleich der Produktionskapazität mit der Entwicklung des inländischen Verbrauches nach aktuellen Prognosen verdeutlicht. Beim Verzicht auf die Inbetriebnahme des AKW Temelin ist unter Ausnutzung des vorhandenen Kraftwerkparks mindestens bis zum Jahr 2012 kein Kraftwerksneubau nötig. Die Produktion des AKW Temelin könnte in keinem absehbaren Zeitraum am inländischen Markt untergebracht werden und würde daher ausschließlich für Exportzwecke eingesetzt werden.