Neue Szenarien des tschechischen Energiekonzeptes rechnen mit Atomstromanteilen zwischen 79 und 88 Prozent

Unrealistische Annahmen und Druck der Atomlobby als Hintergrund – Diskussion der Szenarien wird im Rahmen einer grenzüberschreitenden strategischen Umweltprüfung erfolgen.

(27.10.2011 – Exklusivbericht TEMELIN.COM – Autor: Radko Pavlovec) Der „Rat für die Energiestrategie“ – ein von der Atomlobby dominiertes Beratungsgremium – übergab diese Woche der tschechischen Regierung zwei Szenarien des Energiekonzeptes, die als Grundlage für den Regierungsbeschluss dienen sollen. Sie gehen von einem absolut dominanten Anteil der Atomkraft in der Stromproduktion aus, andere Energieträger sollen lediglich eine marginale Rolle spielen. Die Anteile der Atomkraft liegen bei den empfohlenen Szenarien bei 79-88%, wobei beide Szenarien auf einer weiteren Ausweitung der Stromexporte sowie auf unrealistischen Annahmen über den Anstieg des inländischen Stromverbrauches basieren. Die erneuerbare Energie soll nur einen marginalen Anteil von ca. 8-10% erreichen, der Rest soll in Kohlekraftwerken bereitgestellt werden. Erdgas soll nach der Vorstellung der Autoren nicht zum Einsatz kommen.

Die aus der Werkstatt des völlig von der Atomlobby dominierten Industrieministerium stammenden Szenarien sollen trotz ihrer extremen Konzentration auf die Atomkraft als „Kompromissvariante“ verkauft werden, da auch noch zwei weitere Szenarien mit einem Atomstromanteil von 92% erarbeitet wurden. Um die in den empfohlenen Szenarien anvisierten Atomstromanteile zu erreichen, müssten abhängig von ihrer Leistung 6 bis 13 neue Reaktorblöcke errichtet werden. Neben den bisherigen Standorten Temelin und Dukovany sollen bis zu drei neue Standorte erschlossen werden.

Die Szenarien sind aufgrund ihrer einseitigen Ausrichtung und der offensichtlich unrealistischen Annahmen über den Verbrauchsanstieg und die Exportmöglichkeiten fachlich unhaltbar. Das Ziel ist es offensichtlich, die tschechische und die internationale Öffentlichkeit an die übertriebenen Szenarien zu gewöhnen, um zumindest den Ausbau des AKW Temelin leichter durchsetzen zu können. Zusätzlich entsteht ein massiver Konkurrenzdruck durch die geplante Errichtung von neuen Gasdampfkraftwerken. Angesichts der geringen Errichtungskosten und der kurzen Bauzeit von zwei  Jahren wird sich tschechische Strommarkt in den nächsten Jahren in eine andere Richtung entwickeln, als in den empfohlenen Szenarien des Energiekonzeptes vorgesehen.

Die tschechische Regierung wollte die Szenarien des Energiekonzeptes ursprünglich bis Jahresende beschließen. Es mehren sich jedoch warnende Stimmen, die einen raschen Beschluss „auf Kosten der Qualität des Dokuments“ in Frage stellen. Nach dem Beschluss durch die tschechische Regierung muss das Dokument einer grenzüberschreitenden strategischen Umweltprüfung (SUP) unterzogen werden.